Weißbier, Krieg und Hagelschäden
Protokoll einer Zugfahrt im ICE München – Hamburg
Zugfahren mag viele Vorteile haben. Einer der größten ist vielleicht, dass man die Muse hat, sich Geschichten zu notieren, die die anderen Fahrgäste in ihr Mobiltelefon – und dabei durch den ganzen Zugwaggon – plärren. So geschehen im ICE München – Hamburg.
Vor mir eine Mutter mit ihrer Tochter. Sie sprechen deutsch miteinander, die Frau mit Akzent. Sie wirkt furchtbar gestresst und hat immer Angst, ihr Gepäck stünde falsch.
Bereits nach wenigen Minuten piept das erste Mal ein Handy. Akku leer - ich habe das gleiche. Nachdem ich mindestens fünf mal überprüft habe, ob es auch wirklich nicht mein Telefon ist, das da piept – der Akku ist voll, der Ton aus – stelle ich fest, dass es das der schwarzhaarigen Rollstuhlfahrerin schräg gegenüber ist. Sie ist mir unsympathisch, schon alleine wegen des Handys. Es piept.
Die Deutsche Botschaft
hat sie rausgeholt
Ein vielleicht zwanzigjähriger junger Mann kommt mit einem Glas Weißbier in der Hand aus Richtung Bordrestaurant zurück.
Hinter mir erklärt eine ältere Frau mit anstrengender Stimme ihrem Mann, vermutlich Inder oder Pakistani: »Du, das hätten wir melden müssen.« Immer wieder zitiert sie einen Artikel zum Thema Hagelschäden. »Das hätten wir der Versicherung melden müssen.« Der Mann nickt genervt.
Der Zwanzigjährige holt noch einmal zwei Weißbier. Als es ein weiteres Mal piept, überlege ich, wie häufig so ein Telefon denn eigentlich piepen kann, bis der Akku endgültig den Geist aufgibt.
Die Mutter vor mir reißt mich aus meinen Gedanken. Sie telefoniert. Es stellt sich heraus, dass sie und ihre Tochter, seit drei Tagen unterwegs sind. Der Flughafen, von dem aus ihr Flieger abheben sollte, war bombardiert worden, der Flug gecancelt. Die Deutsche Botschaft habe sie rausgeholt. Sie müsse zum Arzt, wenn sie angekommen sei. Es gehe ihr nicht gut.
Sie zieht ihren Lippenstift nach. Der Zug hält.
»Ich komme aus Georgien, wissen Sie.
Da ist Krieg.«
Die Frau mit den Hagelschäden und ihr Mann wollen aussteigen. Nun steht das Gepäck von Mutter und Tochter wirklich im Weg. Genauso gestresst und bemüht es den Hagelschäden recht zu machen, wuchtet sie den riesigen Rollkoffer und die restlichen Taschen beiseite. »So viel Gepäck«, sagt sie, »einen kleinen Koffer hat die Botschaft gesagt, aber Sie sehen ja.« Und schließlich fügt sie hinzu: »Ich komme aus Georgien, wissen Sie. Da ist Krieg.«
Als der Zug wieder anfährt piept es erneut und ich frage mich, warum um alles in der Welt die Rollstuhlfahrerin ihr Telefon nicht einfach lautlos oder doch wenigstens auf Vibrationsalarm stellt.
Die automatische Schiebetür öffnet sich. Herein kommt eine alte, grauhaarige Frau, bestimmt 75, im Schlepptau ihren alten grauhaarigen Mann. »Dooch«, nuschelt sie in tiefstem Fränkisch, »Dooch« nuschelt ihr Mann zwei Schritte hinter ihr. Ich fühle mich wie im Wartezimmer meines Hausarztes und muss schmunzeln. Die Rollstuhlfahrerin auch. Mit einem Mal wirkt sie ungemein sympathisch. Das Handy piept dennoch ungehemmt weiter. Der Bierholer holt sein mittlerweile fünftes Bier.
Der hätte sich sicher über die Happy Hour gefreut, die der freundliche Bahnmitarbeiter auf der Rückfahrt über die Lautsprecheranlage des ICE verkündete. Ob aber auch dort in Zukunft ein Servicezuschlag in Höhe von 2,50 Euro fällig wird, das sagte der Schaffner leider nicht.
© 2008 – Christoph M. Schröder